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Vor ein paar Wochen kam eine junge Frau zur Beratung.
Sie machte einen bedrückten Eindruck und saß ganz zusammengesunken
auf ihrem Stuhl. Auf die Frage, was sie zu mir führt, berichtete
sie, sie wüsste nicht mehr ein noch aus. Ihr Freund, den sie
sehr liebe, bezichtige sie immer häufiger des Betrugs und seine
ganz unbegründete Eifersucht belaste die Beziehung schwer.
Da das Paar bereits einige Wochen zuvor wegen desselben Problems
zu einem gemeinsamen Gespräch gekommen war, wobei sich auch
der Mann sehr betroffen zeigte ('Ich erkenne mich selbst nicht wieder!'-),
schlug ich vor, eine Aufstellung zu dem Thema zu machen. Die beiden
willigten ein.
In einer Aufstellung wird das innere Bild der eigenen
Herkunfts- oder Gegenwartsfamilie mit Hilfe von Stellvertretern
in einer Gruppe dargestellt, so dass familiäre Verstrickungen
oder unbewusste Bindungen an schweres Schicksal, Krankheit oder
unglückliche Muster sichtbar werden. Die Familienkonstellation
wird auf respektvolle Weise neu geordnet oder ergänzt und als
Lösungsbild am Ende der Aufstellung wieder zurückgenommen,
also rückverinnerlicht, und kann so im Lauf der Zeit ihre Tiefenwirkung
im Leben des Aufstellenden entfalten. Familiäre Verstrickungen
gehen oft über mehrere Generationen und bewegen sich auf einer
archaischen Ebene der Psyche, die der Analyse oder dem rationalen
Denken entzogen ist. Durch eine Aufstellung erfährt man etwas
über sich, was sonst nur schwer zugänglich ist, denn im
'wissenden Feld' der Gruppe wird jeder Stellvertreter zum Medium
für das kollektive Unbewusste. Dies ist schwer in Worte zu
fassen, man kann das nur selbst erleben, wie die Stellvertreter
oft sehr genaue Auskunft geben können über die tatsächlichen Familienbeziehungen,
ohne jemals nähere Informationen über das betreffende Familiensystem
erhalten zu haben. Sobald sie an ihren Platz gestellt sind und sich
ohne besondere Erwartungen einfühlen, erspüren sie die Lage derer,
für die sie stehen, auch die Gefühle der Betreffenden und häufig
sogar körperliche Einschränkungen und Gebrechen. Mit Hilfe der Stellvertreter
ist es dann oft möglich, im zeitlosen Raum der Familienseele auch
im Nachhinein etwas wieder in Ordnung zu bringen, zum Beispiel einen
Ausgeschlossenen wieder zu integrieren, einem bislang Ungewürdigten
die Ehre zu erweisen und ihn anzusehen, einem Vergessenen einen
guten Platz im Herzen zu geben, ein Opfer anzuerkennen und zu würdigen,
einem Täter die Verantwortung für seine Tat zu überlassen.

Die Aufstellung des jungen Paares, die wir mit Hilfe
der Stellvertreter durchführten, ergab nun folgende Situation:
Der junge Mann machte der Frau einen Vorwurf - das entsprach ganz
der aktuellen Lage. Ich nahm die Mutter der Frau hinzu. Die Mutter
sagte, dass sie sich schäme. Dann nahm ich den Vater der Frau
dazu. Darauf fing die Stellvertreterin der Frau spontan an zu weinen.
Ich fragte nun die Aufstellende, was vorgefallen sei. Sie sagte,
ebenfalls unter Tränen, dass ihre Mutter ihren Vater betrogen
habe und es niemandem erzählt habe außer ihr, der Tocher.
Das ist zunächst eine schlimme Situation für
die junge Frau. Verrät sie das Geheimnis, so ist sie der Mutter
untreu. Behält sie es für sich, ist sie dem Vater gegenüber
unehrlich. Die Mutter hat sich entlastet, indem sie die Bürde
des Schweigens an die Tochter weitergegeben hat. Der Vater, dem
die eigentlichen Vorwürfe zugeschrieben werden könnten,
hielt sich zurück. In der Aufstellung kam zum Vorschein, dass
er im Grunde von dem anderen Partner seiner Frau wusste und das
Ganze gar kein Geheimnis mehr war. Doch die Tochter trug schwer
an ihrer Last und ließ sich - stellvertretend vom eigenen
Freund - die entsprechenden Untreuevorwürfe machen.

Die Lösung war nun in Sicht. Ich nahm die junge Frau selbst
in die Aufstellung hinein und ließ sie der Stellvertreterin
ihrer Mutter sagen: 'Liebe Mama, ich liebe Dich und den Papa gleichermaßen.
Ich bin nur Deine Tochter, Eure Ehegeheimnisse gehen mich nichts
an. Ich gebe dir das Geheimnis jetzt wieder zurück'. Das war
ein bewegender Moment für die Aufstellende und sie weinte dabei.
Auch dem Vater sagte sie, dass sie die Mutter und ihn gleich viel
liebe. Dann stellte sie sich neben ihren Freund, der nun auch selbst
in der Aufstellung stand. Er legte seinen Arm um ihre Schultern.
Die beiden lächelten sich an. Das ganze Bild sprach für
sich.
Im Jargon der Systemischen Familientherapie handelte es sich hier
um eine doppelte Verschiebung. Die Tochter vertritt die Mutter und
nimmt deren Last auf sich - und zwar aus Liebe, denn sie weint,
als sie erkennt, dass sie das gar nicht tragen kann für die
Mutter. Der Freund der Tochter spürt, dass sie etwas verbirgt;
er kann sich dem Sog nicht entziehen und übernimmt die zurückgehaltenen
Vorwürfe des Vaters. Durch die Aufstellung wird die Lösung
des Konflikts jenen Personen zugemutet, die für das Entstehen
desselben verantwortlich sind, den Eltern. Sie haben nun die Chance,
verantwortlich zu handeln.
Es war für mich als Therapeutin und auch persönlich eine
große Bereicherung, von Bert Hellinger lernen zu dürfen
und bei ihm etwas ausgesprochen zu finden, was ich zwar intuitiv
erahnt hatte, aber nicht in der Lage war praktisch zu nutzen, nämlich,
dass die so gerne zitierte Blockade, die einen Menschen davon abhält,
sein Leben voll zu genießen oder zu gesunden, nicht nur einen
Sinn hat im Leben des Betroffenen,sondern sogar höchsten Respekt
verdient.

Es ist eine Bewegung der Seele und häufig nichts anderes als ein
Ausdruck ganz tiefer Liebe - in der Regel zu einem nahen Angehörigen
oder einem anderen geliebten Menschen -, die ohne Absicht das krankmachende
Muster hervorbringt.
Dazu möchte ich ein Beispiel nennen. Wenn in der Geschwisterreihe
(oder bei den Geschwistern der Eltern) eines früh gestorben
ist, dann möchte manchmal ein anderes Geschwister nachfolgen
in den Tod. Es hat vermehrt Unfälle oder macht sich das Leben
ganz schwer, z. B. durch eine ernste Krankheit, eine Sucht, durch
beruflichen Misserfolg oder mit unglücklichen Partnerschaften.
So ist der/die Betreffende dem gestorbenen Geschwister nahe - im
Leid. Das Leid wird tief in der Seele als Unschuld erfahren und
das Weiterleben angesichts des Todes eines geliebten Menschen als
Schuld. Dies kommt häufig vor, besonders wenn das früh
verstorbene Geschwister keinen guten Platz hat in der Erinnerung
der Familie, etwa weil der Verlust sehr schmerzhaft war für
die Eltern. Am schwersten betroffen ist oft die jüngste Generation,
also die Kinder einer Familie; sie sind bereit, in den Tod zu gehen
an Stelle des Vaters oder der Mutter, sie geben ihren Platz in der
Familie bereitwillig auf für ausgeschlossene Familienmitglieder
oder für solche, die Platz gemacht haben für andere, und
die gibt es oft - es können frühere, nicht gewürdigte
Partner von Vater oder Mutter sein, nicht mitgerechnete Geschwister
oder Halbgeschwister oder das 'schwarze Schaf' der Familie, das
zu keinem Fest eingeladen ist. Die später Geborenen übernehmen
ohne es zu wissen uneingestandene Schuldgefühle oder nicht
ausgedrückte Trauer der Eltern oder Großeltern, sogar
dann, wenn ihnen nie von den fehlenden Personen erzählt wurde.
In der kollektiven Erinnerung geht nichts und niemand verloren.
Es ist der Ort in uns, den wir alle kennen ohne ihn zu kennen. Manchmal
erhalten wir einen kurzen Einblick in ihn und das ist dann ein Moment
großer Gnade.
Aus den Aufstellungen geht auf ganz direkt erfahrbare Weise hervor,
dass im lebendigen Gefüge einer Familie jedes Mitglied das
gleiche Recht auf Zugehörigkeit besitzt. Falls dieses innere
Gleichgewicht von Zugehörigkeit verletzt wird, so kann es passieren,
dass ein anderes Familienmitglied, oft ein später Geborener,
einen Ausgleich zu schaffen versucht - im Guten oder im Unguten.
Ein Ausgleich im Guten sieht zum Beispiel so aus: Eine Frau kommt
zur Aufstellung. Sie hat erfahren, dass die Schwester ihrer Mutter
behindert war und in ein Heim gegeben wurde. Die Frau und ihr Mann
haben selbst ein Mädchen adoptiert, das behindert ist - sie
sagte, sie hatte immer das Gefühl, 'als ob jemand fehlt.' Sie
hat also die Liebe und Fürsorge, die ihre behinderte Tante
durch die Familie nicht erhalten hat, einem anderen hilfsbedürftigen
Menschen weitergegeben. Das Lösungsbild der Aufstellung gab
außerdem der einst weggegebenen Tante ihren Platz im Kreis
der Familie und so erhielt auch das adoptierte Mädchen einen
größeren Freiraum, denn es musste nicht mehr die fehlende
Person ersetzen.

Ein Ausgleich im Unguten zeigt sich im nächsten Beispiel,
das ein leider ganz alltägliches Drama widerspiegelt. Eine
Mutter bat mich um Hilfe für ihre magersüchtige achtzehnjährige
Tochter, die wieder so stark abgenommen hatte, dass ein stationärer
Klinikaufenthalt unabwendbar schien. Sie stellte die Familie mit
Hilfe der Stellvertreter auf, d.h. den Ehemann, die Tochter und
sich selbst. Die Tochter konnte kaum stehen und gab an, dass sie
traurig und wütend auf die Mutter sei. Der Ehemann sagte: 'Sie
ist nicht meine Tochter.' Ich fragte die Klientin, ob sie sich dazu
äußern wolle. Sie antwortete, dass sie vor der jetzigen
Ehe schwanger wurde von einem Mann, in den sie zwar heftig, aber
nur flüchtig verliebt gewesen sei. Sie habe keinen Kontakt
mehr zu ihm. Ich nahm also den leiblichen Vater der magersüchtigen
Tochter hinzu. Er sagte, er sei traurig und sauer. Die Tochter wollte
sich sofort zu ihm stellen, sie strahlte ihn an. Es war deutlich
zu spüren, dass die Tochter die Emotionen des nicht gewürdigten
ersten Manns der Mutter übernommen hatte und sich dadurch in
geheimer Solidarität mit ihm wusste. Ich nahm nun die Mutter
anstelle ihrer Stellvertreterin in die Aufstellung und bat sie,
den ersten Mann anzusehen und ihm zu sagen: 'Ich habe Dich noch
nicht richtig gewürdigt. Du bist der Vater unsrer Tochter und
das bleibst Du auch - für immer!' und außerdem zur Tochter:
'Als ich schwanger wurde mit Dir, habe ich Deinen Vater sehr geliebt.'
Welch eine Intensität in diesen von Angesicht zu Angesicht
gesprochenen Sätzen der Beteiligten liegt, kann hier nicht
annähernd beschrieben werden. Das Lösungsbild war, dass
der leibliche Vater Anerkennung und Zugehörigkeitsrecht zurückerhielt,
indem er seine Tochter unbehindert sehen darf. Das könnte die
Tochter von ihrer inneren Verpflichtung befreien, genauso wenig
zu nehmen - 'zu sich zu nehmen' - wie er.
Ein Ausgleich kann über mehrere Generationen gehen, die Familienseele
bewegt sich langsam. Der Ausgleich soll immer dem Ganzen dienen
und die verletzte Zusammengehörigkeit wiederherstellen, auch wenn
es für denjenigen, der das übernimmt, mitunter katastrophale Folgen
nach sich zieht. Das Medium des Ausgleichs ist die Liebe, seine
Grundlage die Bindung per Geburt oder Partnerschaft oder durch nicht
verantwortete Schuld. Man könnte das auch als das karmische
Gesetz in der Familie bezeichnen, aber es ist in der Praxis sicherlich
hilfreicher, diese Kräfte so entmystifiziert und bodenständig
wie möglich zu betrachten, besser noch direkt zu erfahren anhand
ihrer Wirkung im Kraftfeld der jeweiligen und individuellen Aufstellung.
Dort wird ohne jegliche theoretische Ableitung deutlich, in welchem
Maße die Nachgeborenen in etwas hineingestellt sind, das zu
erfüllen ihre tief eingeborene Liebe ihnen unbewusst aufträgt
und das außerhalb ihres persönlichen Entscheidungsspielraums
liegt.

Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei die Rolle des Gewissens,
die Bert Hellinger schon vor Jahren beschrieben hat. Es fungiert
gleichsam als innerer Kompass, der jedem Systemmitglied ermöglicht,
aber auch auferlegt, zu erfahren, wie weit es sich fortbewegen darf
von den Regeln und Tabus der Familie, ohne sein Recht auf Zugehörigkeit
zu verspielen. Ein 'gutes Gewissen' ist demnach kein Wert an sich,
auch kein 'schlechtes Gewissen'. Beide sind abhängig von den
jeweiligen Geboten und Verboten des Familiensystems. Das erfahre
ich manchmal ganz anschaulich in meinen Seminaren, wenn ein schwer
belasteter Mensch, der zur Aufstellung kommt, sich plötzlich
'als Verräter' fühlt und sich dieses Gefühl nicht
erklären kann. Er hat ein 'schlechtes Gewissen'. Es stellt
sich ein wie ein Automatismus, wenn der Aufstellende beispielsweise
das Schweigen um ein Familiengeheimnis bricht, das er auch unter
größten Selbstopfern bislang gewahrt und mitgetragen
hatte. Um aus dem Gruppengewissen herauszutreten und gleichzeitig
die eigene Herkunft zu achten, ist also ein bewußter Kraftakt
von großem Mut (zum schlechten Gewissen) und auch eine erweiterte
Sicht, ein Akzeptieren größerer Zusammenhänge, nötig.
Ist das Verlangen nach 'Unschuld' aber größer, so verhindert
es die Heilung. In beiden Fällen liegt es dann in der Würde
des Betroffenen, entweder den einen oder den anderen Weg einzuschlagen,
auch den Weg des Leids oder der Krankheit. Er erscheint manchmal
sogar leichter, da man sich - aus alter Gewohnheit - leidend in
größerem Einklang mit dem Familiengewissen empfindet.
Die magische Kinderliebe, oft eine blinde Liebe, welche sich über
Tod und Leben hinwegsetzen will, wird vom betroffenen Erwachsenen,
in dem sie fortbesteht, als sehr leidvoll erlebt und es mag sein,
dass er ohnmächtig sein unverständlich schweres Schicksal
beklagt. In seiner Seele jedoch stimmt er zu - aus eben dieser Liebe.
Die Aufstellung gibt nun der verborgenen, blinden Liebe ein sichtbares
Ziel und macht sie dadurch sehend: Die Liebe darf erwachsen werden
und sich weiten. Und die geliebte Person, etwa das vergessene Geschwister,
bekommt ihren Platz - und eine Stimme. So sagte vor kurzem die Stellvertreterin
einer bei der Geburt gestorbenen Zwillingsschwester zum jetzt dreiunddreißigjährigen
und stark depressiven Zwillingsbruder: 'Es macht mich sehr traurig,
Dich so leiden zu sehen. Bitte nimm Du wenigstens das Leben! Ich
werde für immer Dein Schutzengel sein.' Alle Beteiligten in
der Aufstellung nickten zustimmend oder atmeten auf und es war sofort
spürbar, dass etwas lange Überfälliges stattgefunden
hat und vielleicht ... ja, vielleicht das Wunder der Heilung seinen
Anfang findet.

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